Umfragen vs. Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien

    Vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern liest man wieder, dass die NPD bei Wahlen oft mehr Stimmen erhalte als ihr in den Meinungsumfragen prognostiziert worden sei.1

    So die SZ am Samstag (”Bodenständig braun”, 03.09.2011, Seite 2):

    Zuletzt lag die NPD in Umfragen unter fünf Prozent, doch die Partei schneidet bei Wahlen oft besser ab als in Umfragen.

    Ursache dafür sei die Tendenz, dass Befragte, die erwägen, einer rechtsextremen Partei ihre Stimme zu geben, in der Umfrage nicht ihre tatsächliche Präferenz äußern. Nun kennt die empirische Sozialforschung in der Tat das Phänomen der sozialen Erwünschtheit. Demnach möchten Menschen in der Befragungssituation sich in einem positiven Licht präsentieren. Sie neigen dazu, “wahre” Antworten, bei denen sie Missbilligung des Gegenübers befürchten, zu vermeiden. Die Wahl einer rechtsextremen Partei dürfte mithin nicht als sozial erwünschtes Verhalten aufgefasst werden.

    Daher ist die Annahme, dass Befragte eher zögern, eine vorhandene Präferenz für die NPD oder eine andere rechtsextreme Partei zu äußern, sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Allerdings dürften auch die Meinungsforschungsinstitute um dieses Phänomen wissen. Umfrageergebnisse professioneller Institute geben keine völligen Rohdaten wieder, sondern sind das Resultat mehr oder weniger starker Gewichtungen. Allein um die soziodemographischen Randverteilungen an die Wahlberechtigten anzupassen, werden die Daten gewichtet. Es ist anzunehmen, dass auch das Phänomen der sozialen Erwünschtheit bei der Wahl rechtsextremer Parteien berücksichtigt wird.

    Um zu prüfen, inwieweit die Aussage zutrifft, dass rechtsextreme Parteien in publizierten Meinungsumfragen häufig weniger Zuspruch erhalten als an der Wahlurne, wird die auf wahlrecht.de dokumentierten Umfrage- und Wahlergebnisse zahlreicher Landtagswahlen zurückgegriffen.

    Es werden jeweils das Wahlergebnis sowie die Stimmenanteile in der letzten Umfrage vor der Landtagswahl ausgewiesen, bei der die Stimmenanteile rechtsextremer Parteien explizit genannt wurden. Dabei dürfen die Umfragen nicht mehr als einen Monat vor der Wahl veröffentlicht worden sein. Es werden die Stimmenanteile der NPD, der DVU, der Republikaner oder “rechter” Parteien (siehe wahlrecht.de) herangezogen. Die vollständigen Daten sind bei Google Docs dokumentiert.

    Umfragen vs. Wahlergebnisse v2
    (Eigene Darstellung; Daten: wahlrecht.de; interaktive Grafik)

    Die Abbildung zeigt, dass in den meisten Fällen Umfragen und Wahlergebnisse nahe beieinander liegen. In 15 von 22 Fällen bewegen sich die Abweichungen in einem solch geringen Rahmen, dass sie allein darauf zurückgeführt werden könnten, dass Stimmenanteile in Umfrageergebnissen in der Regel auf ganze Zahlen gerundet ausgewiesen werden. Von den verbleibenden sieben Fällen überschätzten sechs Umfragen die Ergebnisse am Wahltag.

    Allein eine Landtagswahl sticht heraus: In Sachsen-Anhalt konnte sich die DVU im Vorfeld der Landtagswahl 1998 zwar den Einzug ins Landesparlament erhoffen: Die letzte Umfrage vor der Wahl sagte einen Stimmenanteil von sechs Prozent voraus. Das Wahlergebnis übertraf diese Projektion jedoch um mehr als das Doppelte. Die DVU erreichte 12,9 Prozent und gewann 16 Mandate. (Im Übrigen unterschätzten die zuvor veröffentlichten Meinungsumfragen ebenfalls den Stimmenanteil der DVU bei der Landtagswahl, siehe: http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/sachsen-anhalt.htm.)

    Nun könnte man einwenden, dass zum Unterschätzen der rechtsextremen Parteien auch dazu gehört, sie in den veröffentlichten Umfrageergebnissen nicht gesondert auszuweisen, sondern unter den “Sonstigen” zu verbuchen. In diesem Fall würde der entsprechende Vergleich zwischen Umfrage- und Wahlergebnis nicht in der obigen Abbildung auftauchen. Der Eindruck, dass die Stimmenanteile aus Projektionen und Wahlergebnissen in der Regel nahe beieinander liegen, würde trügen, da nur jene Wahlen aufgeführt würden, bei denen bereits im Vorfeld ein bedeutsames Ergebnis der rechtsextremen Parteien erwartet worden war.

    Dies scheint aber weitgehend nicht der Fall gewesen zu sein. Bloß bei zwei Landtagswahlen wurden die rechtsextremen Parteien nicht gesondert in den Umfragen berücksichtigt und erreichten bei der Wahl beachtliche Ergebnisse: Zum einen die thüringische Landtagswahl 2004, für die die letzte Umfrage vor dem Wahltag einen dreiprozentigen Anteil sonstiger Parteien voraussagte, NPD und Republikaner bei der Wahl zusammengenommen bereits 3,6 Prozent der Stimmen erreichten. Und insbesondere die Landtagswahl 2004 im Saarland, als auf die NPD vier Prozent der Stimmen entfielen.

    Anscheinend hat allein das im Vorfeld deutlich unterschätzte Wahlergebnis der DVU bei der sachsen-anhaltinischen Landtagswahl 1998 - so lange ist das bereits her? - einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

    Heute darf die Hypothese gleich wieder geprüft werden. Die jüngsten Umfragen von Infratest dimap, Emnid, Forsa und der Forschungsgruppe Wahlen sehen die NPD zwischen vier (Emnid) und fünf Prozent (Forsa, (siehe http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/mecklenburg-vorpommern.htm). Wie viele Stimmen wird die NPD bei der Wahl erhalten?


    1 Die Meinungsforschungsinstitute sprechen von “Projektionen”. Wahlprognosen basieren auf den Ergebnissen von Exit Polls am Wahltag.

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