Wahlkampf nach Zahlen

05.10.2008 | Kategorie: US Election 2008

Kann Obama seinen Vorsprung ausbauen oder gelingt es McCain, wieder zu seinem Konkurrenten aufzuschließen? Ihre Sucht nach Zahlen können Wahlkampf-Junkies auf der Website pollster.com [Link korrigiert, thx @ Keywan] befriedigen.

Dort herrscht ein Überfluss an Umfrageergebnissen; überdies wird eine Flash-Grafik mit den aktuellsten Resultaten der verschiedenen Institute gespeist - sie zeigt den Verlauf der Stimmenanteile der beiden aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten. Dies ist nicht nur weniger der großen Zahlenmenge ein anspruchsvolles Unterfangen: Die zahlreichen Umfrageergebnisse werden mit Hilfe des LOWESS-Verfahrens geglättet.*

Aufschlussreicher als die nationalen Ergebnisse sind bisweilen die Stimmenanteilen der Kandidaten in den einzelnen Bundesstaaten, denn schließlich werden derjenigem Kandidaten, der in einem Staat die meisten Stimmen auf sich vereinen kann, alle Wahlmänner dieses Staates zugeschrieben.**

Aus den zusammengefassten Umfrageergebnissen der Bundesstaaten wird eine interaktive Landkarte erstellt, die farblich markiert angibt, wer in welchen Bundesstaaten führt oder gemäß der Umfragen bereits sicher zu haben scheint. Inklusive der “leaners” kommt Obama auf 250 260 Wahlmänner, während McCain auf 163 kommt. 270 Wahlmänner sind erforderlich, um Electoral College die Mehrheit zu erhalten und zum Präsidenten gewählt zu werden.

Sämtliche in die Kalkulation der Grafiken einbezogenen Informationen können auf pollster.com bezogen werden. In die oben stehende Abbildung der Entwicklung der Stimmenanteile im Zeitverlauf sind die Ergebnisse von sage und schreibe 418 Umfragen eingeflossen! Addiert man die Fallzahlen der einzelnen Erhebungen, so kommt man auf 654.842(!) durchgeführte Interviews.***

Um die Vorgehensweise nachzuvollziehen, habe ich anhand der auf pollster.com verfügbaren Daten ebenfalls LOWESS-Schätzungen durchgeführt. (Die unterschiedlichen Fallzahlen der Umfragen habe ich dabei unberücksichtigt gelassen.) Untenstehenden Grafik zeigt die resultierenden Tageswerte bei einer Bandbreite von .10 - d.h. zur Schätzung jedes Wertes werden zehn Prozent der benachbarten Werte in die Regression einbezogen.

US Election 2008 - Trends

Die Abbildung legt nahe, dass für die pollster-Grafiken eine ähnliche Bandbreite Verwendung findet. [EDIT: Was ich nicht beachtet habe: Die eingebundene Pollster-Grafik (s.o.) aktualisiert sich, so dass sich meine eigenen berechneten Graphen sich inzwischen von dieser unterscheiden. Die Beobachtung der Ähnlichkeit bezieht sich auf den Stand der Pollster-Grafik zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags.]

Die folgende Grafik zeigt nun die zeitliche Dynamik des Vorsprungs Obamas vor McCain. Die Zeitachse bilden die seit dem 1. Juni 2008 vergangenen Tage, das Datum der einzelnen Umfragen ist auf ihren letzten Feldtag festgelegt, im Durchschnitt waren die Umfragen drei bis vier Tage im Feld. Als Ausgangspunkt wurde der Juni gewählt, weil spätestens ab diesem Monat mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden konnte, dass die Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain heißen würden. Der Graph wird wiederum LOWESS-geglättet (Bandbreite = .25).

US Election 2008 - Lead Obama

Die Abbildung zeigt einen mittleren Vorsprung Obamas, der Anfang Juni bei etwa fünf Prozentpunkten lag und bis Mitte August um etwa drei Prozentpunkte abnahm.

Daneben sind drei zentrale Ereignisse des bisherigen Wahlkampfs verzeichnet: Mit der Nominierung Sarah Palins als Vize-Kandidatin Ende August ging ein weiterer Rückgang des Stimmenvorsprungs der Demokraten einher, so dass die beiden Präsidentschaftskandidaten Anfang September nahezu gleichauf waren.

Als die US-Investmentbank Lehman Brothers die Krise der Wall Street sichtbar werden ließ, konnten die Demokraten den Republikanern wieder davon ziehen. Offenbar schlug sich also der wahrgenommene Kompetenzvorsprung Obamas auch in den Stimmenanteilen nieder. Die erste Fernsehdebatte zwischen McCain und Obama fiel in die Zeit des Anstiegs des Vorsprungs Obamas, die bereits mit dem Ausbruch der Finanzkrise begonnen hatte.

Man darf gespannt sein, wie sich die Stimmenanteile weiterentwickeln, wenn auch die Fernsehdebatte zwischen Palin und Biden sowie die beiden weiteren Debatten zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten in den Umfragen berücksichtigt werden können.

Literatur

Brady, Henry E./Richard Johnston (2006): „The Rolling Cross-Section and Causal Attribution.“ In: Henry E. Brady/Richard Johnston (Hrsg.), Capturing Campaign Effects. Ann Arbor: University of Michigan Press, 164-195.

Schmitt-Beck, Rüdiger/Thorsten Faas/Christian Holst (2006): „Der Rolling Cross-Section Survey – Ein Instrument zur Analyse dynamischer Prozesse der Einstellungsentwicklung. Bericht zur ersten deutschen RCS-Studie anlässlich der Bundestagswahl 2005.“ ZUMA-Nachrichten 58, 13-49.

* Das LOWESS-Verfahren („Locally Weighted Scatterplot Smoother“) gleicht zufallsbedingte Schwankungen in den Umfragewerten aus. Dazu werden für jeden Datenpunkt Regressionen gerechnet, in die neben dem jeweiligen Punkt ein bestimmter Anteil benachbarter Fälle einbezogen werden. Nahe liegende Datenpunkte werden dabei stärker und weiter entfernte schwächer gewichtet (vgl. Schmitt-Beck et al. 2006). Mit Hilfe der Glättung soll also „‚signal’ from noise’“ (Brady/Johnston 2006: 175) getrennt werden.
** In zwei Bundesstaaten ist das nicht so, dort werden die Stimmen der Wahlmänner anteilig vergeben.
*** Für zwölf Umfragen fehlen die Angaben zur Zahl der Befragten, daher bezieht sich die Gesamtfallzahl auf 406 Interviews.

2 Kommentare
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  1. Hi,

    danke für deine Mal wieder interessanten Ausführungen. Statt auf http://www.pollster.com/ hast Du aber auf die Waffenschmiede von http://www.polster.com/ verlinkt ;)

    Gruß,

    Keywan

  2. Vielen Dank, hab’s korrigiert.

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