Über Geld spricht man nicht…?

30.03.2009 | Kategorie: Science Bites, Umfragen

Die Süddeutsche Zeitung kommentiert in ihrer Wochenendausgabe den Widerstand niedergelassener Ärzte gegen die Honorarreform von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Es wird erwartet, dass auch der Vorschlag, in regelmäßigen Abständen die Einkommen von Ärzten aus der Behandlung von Kassenpatienten nach Fachgruppen aufgeschlüsselt zu veröffentlichen, auf wenig Gegenliebe stoßen wird. Dieses (antizipierte) Missfallen der Ärzteschaft wird auch mit einer (vermeintlich) typisch deutschen Eigenheit erklärt:

Im Vergleich zu anderen Nationen kann man bei den Deutschen ziemlich leicht ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Einkommen ausmachen. Während der Angelsachse gemeinhin freimütig mit seinem Monats- oder Jahresverdienst auftrumpft, bereitet das dem durchschnittlichen Germanen spürbares Unbehagen. Manch einer reagiert schon empfindlich, wenn er nur nach der Höhe seiner Miete gefragt wird, weil man daraus Rückschlüsse auf sein Einkommen ziehen könnte.

Das klingt ja erstmal überzeugend. Aber auf welche Erfahrungen stützt der Kommentator seine Erkenntnis?

Ich habe mir daher einfach einmal angeschaut, wie stark der Anteil von Antwortverweigerungen bei der Frage nach dem Haushaltsnettoeinkommen zwischen europäischen Ländern variiert. Als Datengrundlage dient der European Social Survey (ESS), Round 3 (www.europeansocialsurvey.org), in dessen Rahmen 2006/’07 43.000 Personen in 23 europäischen Ländern befragt worden sind. Aus der Darstellung müssen jedoch Estland, Ungarn und die Ukraine ausgeschlossen werden, weil es bei der Teilerhebungen in diesen Ländern erhebliche Probleme bei der Erfassung des Einkommens gab. Dadurch reduziert sich die Gesamtfallzahl entsprechend.

Die Befragten bekamen von den Interviewern eine Karte mit Einkommensklassen vorgelegt. Sie wurden gebeten, anhand dieser Klassen ihr Haushaltsnettoeinkommen einzustufen. Hier soll der Anteil derjenigen näher betrachtet werden, die in diesem Fall explizit die Antwort verweigerten bzw. keine Antwort gaben.

Wie sieht es im europäischen Vergleich aus? Ist “de[r] durchschnittlich[e] German[e]” weniger bereit als “der” Angelsachse, sein (Haushalts-)Einkommen anzugeben?

Abbildung Anteil Antwortverweigerung Haushaltseinkommen

Die Grafik zeigt, dass “der” Deutsche im europäischen Vergleich tatsächlich ungern über sein Einkommen (bzw. präziser: das Haushaltsnettoeinkommen) Auskunft gibt. Etwa 19 Prozent der Befragten verweigerten die Antwort. Besonders wenige Antwortverweigerungen produzieren die Erhebungen in den skandinavischen Ländern sowie in Finnland, den Niederlanden und Belgien. Zumindest in Schweden ist meines Wissens ja ohnehin das Einkommen jedes einzelnen Steuerzahlers über das individuelle Steueraufkommen für jedermann einsehbar. Keine einzige Antwortverweigerung soll es in Russland gegeben haben. Bei über 2.400 Befragten. Ganz besonders hoch sind die Verweigerungsraten dagegen in Österreich, Spanien, der Slowakei und Portugal. Da fragt man sich, ob in diesen Ländern nicht auch besonders unfreundliche Interviewer eingesetzt worden sind…

Wie steht es um den Vergleich Angelsachsen - Teutonen? Der Anteil der Antwortverweigerer liegt in Großbritannien bei knapp zehn Prozent, also im europäischen Mittelfeld. Gemessen an der Bereitschaft, gegenüber dem Interviewer das Haushaltseinkommen in eine von zwölf Kategorien einzustufen, unterscheiden sich Briten und Deutsche also tatsächlich recht deutlich. (Dafür ist der Anteil von “Weiß nicht”-Antworten in UK wiederum höher - 12,5 vs. sieben Prozent.) Ganz so freimütig mit Aussagen über das eigene Einkommen, wie der Kommentator es darstellt, ist man unter den Angelsachsen jedoch offenbar auch nicht.

1 Kommentar
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  1. Ich verstehe garnicht, warum so viele ein Geheimnis daraus machen. Es ist schon wichtig, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen und auch auch auszutauschen.

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