Wer segelt unter der Totenkopfflagge?

16.09.2009 | Kategorie: BTW09, Forschung, Piratenpartei, Science Bites

… oder: Wer wählt die Piratenpartei?

[UPDATE: Grafik anhand der finalen Daten]

Im laufenden (Online-)Wahlkampf kann ein interessantes Phänomen beobachtet werden: Während vermutlich alle Parteien versuchen, die Ergebnisse von offenen Online-Umfragen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, in der Hoffnung, dass über die Umfrageergebnisse berichtet wird, sind die Anhänger der Piratenpartei ganz besonders erfolgreich, solche Umfragen zu “entern“. Dies kann man sehr schön bei der “Sonntagsfrage” von studiVZ/meinVZ erkennen: Die Piraten erhalten dort regelmäßig zweistellige Ergebnisse, waren sogar lange Zeit mit Abstand stärkste Partei. Und Spiegel Online berichtet über diese Ergebnisse fast so wie über eine Repräsentativumfrage eines etablierten Meinungsforschungsinstituts.

Auch die Zwischenergebnisse der wahlumfrage2009.de der Uni Mannheim weisen einen hohen Piratenanteil auf, dass ein Kentern des Parteiensystems drohte, entschieden allein die Teilnehmer unserer Umfrage am Wahltag über das Wohl und Wehe der politischen Parteien.

Wer sind die Wähler der Piratenpartei? Auf Grundlage der Zwischenergebnisse der wahlumfrage2009.de - nicht repräsentativ, aber dennoch dazu geeignet, Mechanismen und Zusammenhänge aufzuspüren, die zu Wahlentscheidungen führen - soll dieser Frage hier nachgegangen werden.

Unter der Annahme, dass sich die Wähler der Piratenpartei hauptsächlich aus regen Internetnutzern rekrutieren, stehen drei Merkmale der Wähler im Vordergrund: das Alter und das Geschlecht der Befragten sowie deren Nutzung des Internets, um sich über Politik und den Wahlkampf zu informieren. Die beiden soziodemographischen Variablen sind weiterhin mit der Internetnutzung verknüpft, gerade Frauen höheren Alters nutzen das Internet in unterdurchschnittlichem Maße. Als direktes Maß der Internetnutzung wird die Anzahl der Tage in der Woche herangezogen, an denen sich die Befragten im Internet über Politik informieren. Darüber hinaus zeigt die Forschung, dass eher Männer als Frauen neue und nicht etablierte Parteien (wie es die Piratenpartei ist) unterstützen. Dies zeigt sich auch daran, dass sich unter den 14 Wahlkreiskandidaten der Piraten bei der Bundestagswahl 2009 bloß zwei Frauen befinden (PDF, S. 3) und unter den 98 Listenkandidaten ganze vier (PDF, S. 3).

In der Abbildung werden die Stimmenanteile der Piratenpartei in den einzelnen Subgruppen dargestellt: Beginnend mit drei Altersgruppen (18 bis 39 Jahre, 40 bis 59 Jahre, 60 Jahre und älter), werden innerhalb dieser Gruppen die Stimmenanteile zwischen Männern und Frauen verglichen; innerhalb dieser wiederum nach der Intensität der (politischen) Internetnutzung: Ich habe dazu zwei Gruppen gebildet: auf der einen Seite Befragte, die sich an mindestens fünf Tagen in der Woche im Internet über Politik informieren, auf der anderen solche, die dies an bis zu vier Tagen tun.

piratenwaehler_final

Was zeigt dieses Diagramm? Zunächst lässt sich feststellen, dass unter den Befragten zwischen 18 und 39 Jahren die Unterstützung für die Piratenpartei deutlich am höchsten ist, während Umfrageteilnehmer über 60 (Zwischenstand: N=228) kaum in Erwägung ziehen, dieser Partei ihre Stimme zu geben. (An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass diese bloßen Prozentzahlen nicht überinterpretiert werden sollten. Zusammenhänge stehen hier im Vordergrund.)

Auf der nächsten Ebene wird dann deutlich, dass vor allem Männer der Piratenpartei ihre Stimme geben möchten. Dies gilt für alle Altersgruppen. Ganz besonders deutlich sind die Piraten in der Gruppen der Männer bis 39 Jahre vertreten (32 Prozent). In derselben Altersgruppe sind es dagegen bloß sechs Prozent der Teilnehmerinnen unserer Umfrage, die für die Piratenpartei votieren werden. In den anderen beiden Altersgruppen sind die Wählerinnen-Anteile marginal.

Im dritten Schritt wird dann noch zwischen Personen, die das Internet an mindestens fünf Tagen in der Woche nutzen, um sich über Politik informieren, und Personen, die seltener zu diesem Zweck online sind, differenziert: Hier zeigt sich im Vergleich zwischen den beiden Gruppen, dass sich die Wähler der Piratenpartei vor allem aus Personen rekrutieren, die sich besonders intensiv im Internet über Parteien und den Wahlkampf informieren.

Die Wählergruppe, in der die Piraten mit Abstand die meiste Unterstützung finden, sind demnach den (Zwischen-)Ergebnissen der wahlumfrage2009.de zu Folge die jungen, internetaffinen Männer.

6 Kommentare
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  1. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Marc Bohn. Marc Bohn sagte: Wer segelt unter der Totenkopfflagge? … oder: Wer wählt die Piratenpartei? http://blog.ansgar-wolsing.de/archiv/873 #piraten #wahl09 #btw09 [...]

  2. Zum Frauenanteil auf den Listen möchte ich nur zu bedenken geben, dass sie zu einer Zeit aufgestellt wurden, als die PP noch weitaus weniger Mitglieder als heute hatte und wohl gerade zu dieser Zeit die Partei noch unattraktiver für Frauen war, als sie es eventuell heute ist.

  3. @eman: Für aktuelle Mitgliederstatistiken o.ä. wäre ich natürlich dankbar.

  4. @Ansgar Wolsing
    soweit mir bekannt unterscheidet die Piratenpartei intern nicht zwischen den Geschlechtern weder statistisch noch in sonst einem anderen Zusammenhang, wie gesagt soweit mir bekannt. am besten direkt eine Anfrage an den Bundesvorstand schicken. Da nach eigenen Aussagen Tranzparenz ein elementarer Bestandteil der Piratepartei ist, sollten Auskünfte über die aktuelle Mitgliederstatistik jederzeit gewährt werden, bzw es wird für die Anfrage eine statistische Auswertung nach den Geschlechtern erstellt .

    “Fragen kostet nichts und Versuch macht kluch”

  5. Zu diesem Thema auch interessant: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2009-09/piraten-partei-revolution?page=all

  6. [...] vorletzten Beitrag habe ich auf Grundlage von Zwischenergebnissen der wahlumfrage2009.de gezeigt, dass die [...]

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